Am hinteren Korridor

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Der Gang vor dem medizinischen Raum ist zu warm und zu eng für einen Abend, der eben noch von Fahnen, Hymnen und gutem Willen gelebt hat.
Jetzt riecht es nach nasser Wolle, kaltem Rauch, Kaffee, nassem Leder und dem nervösen Rest einer Gala, die noch nicht weiß, ob sie unterbrochen oder beendet ist. Weiter hinten im Korridor murmeln Funktionäre, ein Lokalpolitiker versucht etwas über Verantwortung zu sagen, und aus dem Foyer dringt gedämpft das wieder anlaufende Klirren des Buffets herüber, als versuche die Veranstaltung, sich selbst mit Häppchen zu stabilisieren.
Mulder steht an der Wand neben der Tür des medizinischen Raums, ein Telephon in der Hand, den Rücken halb zum Durchgang. Er spricht leise, aber mit jener Schärfe, die bei ihm bedeutet, dass Neugier gerade ein amtliches Kleid trägt.
Mulder hört zu. Sagt nichts. Hört weiter zu. Dann:
MULDER
Ja.

Nein, nicht irgendwann. Jetzt.

Nein, ich habe nicht nach allgemeiner Biographie gefragt. Ich habe nach ihm gefragt, weil er potentiell ein Opfer ist, oder ein Täter, das versuche ich herauszufinden. Walter Franklin. Suchen Sie nach allem, was in alten Akten an ihm kleben geblieben ist, auch wenn jemand später beschlossen hat, ihn philanthropisch zu nennen. Und informieren Sie unser Büro in Springfield.

Ja. Ich warte.
Er hebt den Blick kurz und sieht durch die Scheibe der Tür den Schatten Scullys, der sich im medizinischen Raum bewegt. Dann wendet er sich ab, als wolle er sie nicht stören. Er bewundert ihre Konzentration, wenn sie ganz in den Arztmodus kippt.
Sein Gesicht verändert sich nicht viel.
MULDER
Rozanov?

Ja, buchstabieren Sie ihn, ich kenne den Namen von einem der Spieler hier. Er ist Leiter des russischen Nachwuchsteams. Ist es nur eine Namensgleichheit?

Offiziell?

Inoffiziell?

Aha.
Er greift in die Innentasche seines Mantels, zieht einen Stift hervor und schreibt auf die Rückseite eines Programms, das noch die Aufschrift LETZTER WINTER IN DER ALTEN HALLE trägt.
MULDER
Und Franklin selbst?

1979?

Aus der UdSSR? Das ist interessant.

Mit welchem Status?

Verstanden. Mit Namensänderung und Sperrvermerk der Botschaft.
Mulder sieht seine Notizen an. Er hört wieder zu.
MULDER
Moment. Noch etwas. Die Familien.

Franklin, Eheverbindungen, Nachkommen. Alles, was nach späteren Wiederkontaktaufnahmen zu russischen Kreisen, Auslandsrussen und Russophilen aussieht.

Ja. Ich warte.
Aus dem medizinischen Raum kommt jetzt kein Piepen mehr.
Nur Stimmen, gedämpft, und ein schwerer werdendes Schweigen dazwischen.
MULDER
Moreau.

Mercer.

Halbbrüder? Das kann nicht sein. Das sind zu viele Zufälle für ein Turnier mit Spendengeldern in dieser dämonenverlassenen Gegend mitten im Schnee.

Natürlich.
Mulder hebt wieder den Kopf.
MULDER
Die Mütter?

Französische Ehefrau.

Britische Zofe? Wer hat denn in unserem Jahrhundert noch eine Zofe?

Ja. Ja, natürlich.

Und später?

Aha.
Er hört noch einen Augenblick zu, dann sagt er nur noch:
MULDER
Schicken Sie mir alles. Sofort.

Ja. Danke.
Er legt auf.
Für einen Moment bleibt er still, das Telefon noch in der Hand, das zerknitterte Programmblatt mit seinen Notizen in der anderen.
Die Tür des medizinischen Raums öffnet sich.
Scully tritt heraus.
Sie hat die Handschuhe bereits ausgezogen, aber das Neonlicht klebt ihr noch an der Haut. Sie sieht nicht schockiert aus. Eher so, als hätte ihr Körper seine Müdigkeit verschoben, bis er mehr Daten hat.
Mulder sieht ihr Gesicht und weiß sofort.
MULDER
Er ist tot.
Scully nickt einmal.
SCULLY
Vor wenigen Minuten.
Stille.
Mulder faltet das Programmblatt nicht zusammen. Noch nicht.
SCULLY
Der Arzt nennt es einen Kreislaufkollaps. Kardial wäre möglich. Alter, Belastung, Medikamente, Kälte — das alles ist nicht unplausibel.
MULDER
Aber.
Scully sieht kurz zur Tür des medizinischen Raums zurück.
SCULLY
Aber ich mag den Ablauf nicht. Und ich mag eine kleine Hautreaktion an seiner Hand nicht. Das ist noch kein Beweis für irgendetwas. Vielleicht war es das Eis. Vielleicht der Pokal. Vielleicht gar nichts. Nur: Ich kann es nicht wegdenken.
SCULLY
Vielleicht doch. Aber ich würde mich im Moment nicht darauf festlegen.
Mulder nickt. Dann hält er ihr das Blatt hin.
MULDER
Während du drin warst, habe ich die Zentrale angerufen.
Scully nimmt das Blatt. Liest.
Ihr Blick bleibt erst am Namen des Toten hängen. Dann an einer Jahreszahl.
SCULLY
1979.
MULDER
Er ist 1979 aus der UdSSR eingewandert.
SCULLY
Ich habe gar keinen Akzent gehört. Er hat sich sehr gut angepasst.
MULDER
Teilweise. Die Zentrale fand noch etwas anderes.
Er tippt mit dem Stift auf einen Namen.
MULDER
Rozanov.
Scully sieht auf.
SCULLY
Eine Namensgleichheit?
MULDER
Der Großvater. Er dürfte seinem Enkel die Liebe zum Eis mitgegeben habe? Oder ihn aufs Eis geprügelt haben, wie ich es mir dort drüben vorstellen kann. Offiziell war er olympischer Trainer. Inoffiziell KGB, vielleicht mehr. Und Franklin taucht in Vermerken auf, die nach sowjetischer Sportmedizin, Transportwegen und verschwundenem Material riechen.
Scully sagt nicht sofort etwas.
SCULLY
Weiß dieser Rozanov das? Es könnte auch sein, dass er seinen Großvater nur als Hockeytrainer kennt.
Mulder zuckt leicht die Schulter.
MULDER
Dass sein Großvater solche Verbindungen hatte? Vielleicht. Dass dieser konkrete Tote dazugehört? Keine Ahnung.
Scully liest weiter.
Ihre Brauen ziehen sich leicht zusammen.
SCULLY
Moreau. Mercer.
MULDER
Ja.
SCULLY
Halbbrüder?
MULDER
Beide Söhne des Toten. Moreaus Mutter war Franklins französische Ehefrau. Mercers Mutter die britische Zofe. Wer auch immer noch eine Zofe hat. Und laut Zentrale haben die beiden Frauen später ihrerseits eine Beziehung miteinander gehabt. Ob Jennifer Hart auch eine Zofe hat? Ist so etwas noch üblich
SCULLY
Ich hoffe dieser Dekadenzausweis dämpft Ihre Begeisterung. Aber das ergibt ein Motiv, oder auch zwei. 
MULDER
Mehrere. Und Wettbetrug ist nun noch wahrscheinlicher, wenn die drei vorher eine Absprache hatten.
Scully hebt den Blick vom Blatt.
SCULLY
Shane bleibt damit der unbelastetste der vier.
MULDER
Biographisch, ja.
SCULLY
Aber nicht emotional. Er ist zu schnell, zu glatt. Er schützt etwas.
Mulder sieht sie an. Skeptisch, aber erwartungsvoll.
SCULLY
Oder jemanden.
Mulder steckt das Telefon weg.
MULDER
Und die Russenlinie ist plötzlich nicht mehr nur Dekoration.
Scully faltet das Blatt nicht. Sie hält es offen, als müsse die Information erst in die gleiche Welt einsickern wie der Tote im Raum hinter ihr.
SCULLY
Noch ist das kein Mord.
MULDER
Nein.
SCULLY
Noch nicht einmal sicher Gift.
MULDER
Nein. Aber wir wissen aus den Akten, dass die Sowjets sehr wirksame Kontaktgifte hatten - oder noch haben. Was wenn der junge Rozanov nur deshalb hierher gekommen ist, um einen alten Auftrag seines Großvaters endlich zu vollenden: einen Überläufer zu ermorden?
SCULLY
Aber wenn du mir jetzt sagen willst, dass ein russischstämmiger Philanthrop mit Kontakten in alte sowjetische Sportstrukturen vor den Augen von vier Captains zusammenbricht und zufällig zwei davon seine Söhne und einer der Enkel eines KGB-nahen Trainers ist—
MULDER
—dann würde ich sagen, dass unser Kaffee bemerkenswert produktiv war.
Scully sieht ihn an. Müde. Trocken. Nicht widerlegt.
SCULLY
Ich hasse es, wenn du in solchen Momenten charmant wirst.
MULDER
Das ist eine meiner liebenswürdigeren Eigenschaften.
SCULLY
Wir müssen die Captains unter Druck setzen und befragen. Einer redet immer. Und niemand verlässt das Gebäude, bis wir wissen, ob wir auf eine Familienkatastrophe, einen medizinischen Zwischenfall oder etwas Drittes schauen. Ich werde einen toxikologischen Befund des Pokals anfordern.
Mulder schüttelt den Kopf.
MULDER
Rozanov müsste schon lebensmüde sein, wenn er einen Gegenstand vergiftet, den er dann selbst ohne Handschuhe angreifen müsste. 
Er denkt nach
MULDER
Aber er konnte nicht wissen, dass er der Gewinner sein würde. was, wenn wir gewonnen hätten - was viel wahrscheinlicher war. Hätte unser Team die Russen gewinnen lassen können, damit Philantrop und Rozanov zugleich sterben? Der Alte sofort, weil sein Herz nicht mitspielt, der Junge nachher bei der Siegesfeier, wo er zuviel Alkohol trinken und ein wenig herumhuren wird?
Mulder sieht das Programmblatt in Scullys Hand an: Namen, alte Verbindungen, ein toter Mann dahinter.
Dann sieht er den Flur hinunter, wo sich Gäste, Funktionäre, Jugendliche und Sportler bewegen, ohne zu wissen, dass sie eben Teil eines viel älteren und hässlicheren Netzes geworden sind, als die Halle in ihren letzten Minuten als Festort verdient hätte.
MULDER
Scully.
SCULLY
Ja? Ich denke darüber nach. Aber ich kenne mich im Eishockey nicht aus. Hat Hollander Rozanov absichtlich gewinnen lassen? Und sind zwei Tote nicht zu auffällig für so ein kleines Kaff. Ich werde allen vieren Blut abnehmen und Speichelproben untersuchen. Nur, damit kein Verdächtiger zu früh in den Täuschungsmodus geht.
MULDER
Ich glaube, unsere historische Eishalle hat tatsächlich Informationen aufbewahrt.
Scully faltet endlich das Blatt zusammen.
SCULLY
Dann sehen wir uns an, wer gehofft hat, dass sie mit dem Gebäude verschwinden.
Sie gehen los.

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