Der medizinische Raum ist zu klein für mehr als einen Arzt.
Weiße Wände, Stahlschränke, eine altmodische Untersuchungsliege, ein EKG-Gerät auf Rollen, der Geruch von Desinfektionsmittel, kalter Luft und dem dumpfen Rest der Halle, den alle mit hereingetragen haben. Das Neonlicht ist gnadenlos. Es macht jede Haut blasser und jede Unsicherheit sichtbarer.
Die Trage wird hereingeschoben.
Der PHILANTHROP liegt darauf mit geöffnetem Jackett, das Gesicht grau, die Lippen farblos, die Atmung flach und unregelmäßig. Seine Würde ist als Erste verschwunden. Was von ihm übrig ist, ist ein alter Körper in falschem Takt.
Der TURNIERARZT ist sofort an der Seite der Trage.
ARZT
Hier rauf. Vorsichtig. Kopf stützen. Nein, nicht so — ja, jetzt.
Zwei SANITÄTER heben den Philanthropen auf die Liege. Scully steht bereits an der anderen Seite, zieht sich im Gehen Handschuhe über und bewegt sich mit jener konzentrierten Ökonomie, die jeden Raum kleiner macht.
SCULLY
Puls?
Der Arzt tastet den Hals.
ARZT
Schnell. Unregelmäßig. Wahrscheinlich supraventrikulär, vielleicht mehr.
Ein Sanitäter schließt den Monitor an. Ein anderer legt den Blutdruckmesser an.
Der Arzt wirft Scully einen kurzen Blick zu. Nicht offen feindselig. Nur missmutig darüber, dass sein Fall jetzt geteilt ist.
ARZT
Jetzt haben wir einen alten Mann mit Kreislaufkollaps nach Belastung auf kaltem Eis. Ich bin Arzt, kein Wunderheiler.
Scully beugt sich über die Augen des Philanthropen, hebt ein Lid, leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe hinein.
SCULLY
Und das genügt Ihnen als Erklärung? Warum spritzen sie kein Atropin oder Amphetamine? Das eine würde seinen Herzrhythmus stabilisieren, das andere seine Muskeln stärken.
ARZT
Beides könnte ihn töten. Wenn Sie als Nächstes verlangen, dass ich ihm Schnaps einflöße, damit er sich aufwärmt, zweifle ich an der Universität, die Sie promoviert hat. Und jetzt lassen Sie mich arbeiten. Ich kenne den Raum. Und: Im Moment genügt mir, dass er überlebt.
Scully antwortet darauf nicht. Sie kontrolliert die Reaktion der Pupillen, dann die Atmung, die Farbe der Lippen, den Thorax.
SANITÄTER
Blutdruck fällt. Neunzig systolisch. Weiter runter.
ARZT
Sauerstoff.
Der Helfer legt die Maske an.
Mulder steht an der Tür. Nicht im Weg, aber nah genug, um alles zu sehen. Jonathan steht neben ihm, ungewöhnlich still. Jennifer einen Schritt hinter beiden, das Gesicht ganz aufmerksam.
Scully hebt eine Hand des Philanthropen an, prüft die Haut, die Nägel, die Temperatur, sieht dann zur anderen.
Der Arzt redet, während er arbeitet. Zu viel. Oder gerade genug, um Ordnung zu simulieren.
ARZT
Er war schon den ganzen Abend nicht völlig belastbar. Alter, Aufregung, Kälte, das ganze Drumherum. Männer seines Typs unterschätzen gern, was ein solcher Auftritt körperlich noch kostet.
SCULLY
Seines Typs?
ARZT
Ältere Sponsoren, die zu spät gelernt haben, dass Galen anstrengender sind als Bankette.
Scully nickt kaum merklich, ohne das zu kommentieren. Sie prüft den Hals, dann den Atemweg.
SCULLY
Vorerkrankungen?
ARZT
Herz-Kreislauf-Risiko. Schlafmittel gelegentlich. Beruhigungsmittel, soweit ich weiß. Vielleicht Alkohol.
SCULLY
Heute Abend?
ARZT
Ein Glas, vielleicht zwei. Mehr wird man bei solchen Leuten nie präzise erfahren.
Mulder hört zu. Scully ebenfalls. Aber keiner von beiden greift den Satz auf.
Philanthrop verzieht plötzlich das Gesicht, als würde ein Rest von Bewusstsein durch Schmerz oder Reiz zurückschlagen.
Scully beugt sich näher zu ihm.
SCULLY
Mr. Franklin? Können Sie mich hören?
Die Augen öffnen sich einen Spalt. Nicht klar. Nur noch Bewusstseinsreste.
Der Arzt tritt dichter.
ARZT
Walter? Hören Sie mich? Bleiben Sie bei uns.
Keine klare Antwort. Nur ein mühsamer, halber Atemzug, der mehr nach Widerstand als nach Sprache klingt.
Scully sieht auf den Monitor.
SCULLY
Rhythmus ist schlecht.
ARZT
Ich sehe es.
SCULLY
Dann behandeln Sie es.
Ein kurzer Moment. Dann beginnt er, Anweisungen zu geben.
ARZT
Vorbereiten. Zugang. Jetzt.
Der Sanitäter arbeitet schneller.
Scully sieht noch einmal auf die rechte Hand des Philanthropen. Dort, am Innenballen, wo die Haut eben am Eis aufgelegen oder am Pokal gelegen haben könnte, liegt eine kleine fleckige Reizung. Nicht groß. Nicht beweiskräftig. Nur da.
Sie betrachtet sie einen Sekundenbruchteil zu lang.
Scully sagt aber nur:
SCULLY
Wie lange war er vor der Pokalübergabe aus Ihrer Sicht ohne direkte Aufsicht?
Der Arzt schließt gerade den Zugang an.
ARZT
Ich habe keine Stoppuhr geführt.
SCULLY
Ungefähr.
ARZT
Ein paar Minuten. Er saß bei den Ehrengästen. Stand auf. Nahm den Pokal. Mehr war da nicht.
SCULLY
Und unmittelbar davor?
ARZT
Ich war nicht die ganze Zeit an seiner Seite. Ich musste mich um unsere Spieler kümmern. Und um ein paar Stipendiaten, die Rum nur von „Rumlungern“ kannten und jetzt kreidebleich über einer Kloschüssel hängen.
Scully nickt einmal, als registriere sie nur, dass die Lücke da ist.
SCULLY
Gut.
Der Arzt sieht sie kurz an, vermutlich irritiert, dass sie daraus keine härtere Frage macht.
ARZT
Gut?
SCULLY
Gut, weil wir dann später präziser nachfragen müssen.
Das ist sachlich. Nicht anklagend. Gerade deshalb unbequemer.
Der Helfer reicht eine Ampulle. Der Arzt bereitet die Medikation vor.
ARZT
Wenn das kardial getriggert ist, bringt uns Spekulation über Minuten gerade nicht weiter.
SCULLY
Ich spekuliere nicht. Ich frage.
Der Blutdruck fällt weiter. Des Philanthrops Atmung wird flacher. Die Maske beschlägt unregelmäßig.
Scully prüft noch einmal den Brustkorb, die Reaktion, die Hände.
SCULLY
Keine sichtbare äußere Verletzung durch den Sturz. Ich könnte seine Rippen auf Brüche abtasten, wenn Sie mich lassen.
ARZT
Tun Sie, was Sie wollen, aber verletzen Sie weder ihn noch sich.
SCULLY
Oder Sie? Das heißt nicht, dass der Sturz irrelevant war.
Der Arzt setzt die Medikation. Scully öffnet das Hemd vollständig und tastet vorsichtig die Rippen nacheinander ab.
ARZT
Agent Scully, ich behandle hier einen Kreislaufkollaps, keinen Literaturkurs.
Scully reagiert nicht auf den Tonfall. Sie sieht auf den Monitor, dann wieder auf den Mann.
SCULLY
Es könnte ein Kreislaufkollaps sein.
Der Arzt wendet sich ihr zu.
ARZT
Was soll es denn sonst sein?
Da ist sie. Die Stelle, an der ein unvorsichtiger Ermittler zu viel sagen würde.
Scully tut es nicht.
Sie sieht noch einmal auf die fleckige Stelle an der Hand, dann auf das Gesicht des Philanthropen, die Lippen, die Pupillen, den Monitor.
SCULLY
Es könnte auch etwas anderes sein. Im Moment haben wir zu wenig Daten.
Der Arzt scheint erleichtert, dass sie nicht weitergeht, und zugleich irritiert, dass sie es nicht völlig abräumt.
ARZT
Dann müssen wir warten, was das Atropin bewirkt.
SCULLY
Vorerst.
Philanthrop atmet erneut falsch ein, dann gar nicht für einen Schlag zu lang.
Der Sanitäter sieht auf.
SANITÄTER
Wir verlieren ihn.
Der Arzt geht sofort wieder ganz in die Behandlung.
ARZT
Noch nicht. Weiter.
Scully bleibt an der anderen Seite, arbeitet jetzt ohne jede Nebenfrage mit. Kompressionen, Kontrolle, Blick auf den Monitor, wieder Puls, wieder Atem.
Im Raum hört man nur noch Atem, Befehle, das Gerät und das leise, falsche Piepen eines Herzens, das sich nicht mehr an seine Aufgabe hält.
Scully richtet sich kurz auf.
Sie sieht auf den Monitor.
Dann den Arzt.
Dann wieder den Mann.
Kein Triumph. Kein Verdacht. Nur die nüchterne Erkenntnis, dass der Körper vor ihr weder mit gesellschaftlicher Würde noch mit medizinischer Höflichkeit verhandeln wird.
SCULLY
Wenn er das überlebt, will ich Blutwerte, Toxikologie und eine vollständige Medikamentenliste.
Der Arzt reagiert sofort.
ARZT
Wenn er das überlebt, können Sie alles haben, was Sie wollen.
Scully sieht ihn an.
Dann fällt der Blick des Arztes wieder auf seinen Patienten, und der Raum zieht sich erneut auf die Liege zusammen.
Mulder sieht zu Jennifer, die ihrerseits auf Scully schaut.
Niemand sagt es laut.
Aber an genau diesem Punkt ist der Abend nicht mehr nur eine missglückte Preisverleihung.
Das Neonlicht summt.
Der Monitor hört auf zu piepen.
Draußen wartet die Halle.


